Die erstaunliche Geschichte der Lakritze
Ein Beitrag aus dem Lakritzkeller St. Pauli
Wer den Lakritzkeller St. Pauli betritt, kommt nicht wegen irgendeiner Süßigkeit. Man kommt wegen ihr – der einen, der einzigen, der Schwarzen. Lakritz ist Geschmack, Haltung, manchmal Religion. Für manche ist sie pure Liebe, für andere kulinarisches Kryptonit. Aber egal, auf welcher Seite man steht: Lakritz hat eine Geschichte, die tiefer geht als die meisten Regale im Süßwarengroßhandel.
Am Anfang stand die Wurzel
Bevor Lakritz zum Lakritz wurde, gab es nur: Süßholz.
Glycyrrhiza glabra.
Eine unscheinbare Pflanze mit einer Wurzel, die so süß ist, dass sie früher Zucker ersetzen konnte – und gleichzeitig so bitter, dass man sie ohne Weiterverarbeitung vermutlich nur einmal im Leben probieren möchte.
Schon die Ägypter kauten Süßholz gegen Husten und Heiserkeit. Die Griechen gaben es Sängern, damit sie länger durchhielten (die antike Antwort auf Fisherman’s Friend). Und römische Soldaten bekamen Süßholzrationen mit auf ihre Feldzüge. Man wusste also: Die Wurzel hat Kraft, und sie hält wach, bei Stimme, am Leben.
Vom Heilmittel zum Konfekt
Doch erst viele Jahrhunderte später geschah das, was aus bitterem Wurzelgebrei die schwarze Verführung machen sollte: Man mischte Zucker dazu. Und Mehl. Und irgendwann kam jemand auf die Idee, das Ganze zu kochen, zu walzen, zu schneiden und in Formen zu pressen.
Geboren war die Lakritze.
Und irgendwann wurde sie zur Spezialität des Nordens – während im Süden, wo man Sonne und Wein hat, Lakritz kaum eine Chance bekam. Lakritz mag Regen. Lakritz mag Wind. Lakritz ist ein Kind der Küsten, der Deiche, der dunklen Winter.
Kurz: Lakritz hat eine norddeutsche Seele.
Und damit ist sie in St. Pauli eigentlich sowieso zu Hause.
Kreisches schwarze Süßigkeit
Wenn einer sich wirklich tief in diese Welt eingegraben hat, dann ist es Klaus-D. Kreische.
Sein Buch „Lakritz – Traktat einer Reise in die Welt der schwarzen Süßigkeit“ ist bis heute das Standardwerk für alle, die Lakritz nicht nur essen, sondern denken wollen.
Er beschreibt nicht nur die Geschichte der Pflanze, sondern die Verwandlung eines Heilmittels in eine Kulturform. Kreische schreibt:
„… zeichnet [er] den kulturgeschichtlichen Weg von der bitteren Medizin zum süßen Lakritz-Konfekt nach.“
Für Kreische ist Lakritz nicht bloß Süßware, sondern ein Stück Identität – ein Geschmack, der sich verweigert, anbietet, wehrt, gewonnen werden will. Lakritz fordert uns heraus. Und genau deshalb bleibt sie spannend.
Schwarzes Gold – aber nicht für jeden
Lakritz teilt die Menschheit in zwei große Bevölkerungsgruppen:
- Die Eingeweihten.
- Die Ängstlichen.
Lakritz ist nicht Everybody’s Darling, und das ist gut so. Sie ist keine schmelzende Schokolade, die allen gefallen will. Keine Zuckerdroge mit knalligen Farben. Nein – Lakritz ist ehrlicher. Unbestechlicher.
Sie schmeckt nach Erde, nach Harz, nach Anis, nach Pfeffer, nach Küste, nach Erinnerung.
Sie ist altmodisch und gleichzeitig rebellisch.
Lakritz ist Punk in Pastillenform.
Süß, salzig, stark – und manchmal gefährlich
Die Vielfalt der Lakritzwelt ist riesig:
- Klassische Süßholzlakritze
- Salmiak-Lakritz (geliebt im Norden, misstrauisch beäugt im Süden)
- Weichlakritz
- Hartlakritz
- Dragées
- Lakritzfudge
- Gewürzlakritz
- Lakritzlikör
- Lakritz in Schokolade (ja – das funktioniert)
Doch: Lakritz ist mächtig. Der Wirkstoff Glycyrrhizin kann bei exzessivem Konsum den Blutdruck erhöhen. Das ist keine moderne Erfindung – schon die antiken Ärzte wussten das. Man sollte es nicht übertreiben. Aber wer übertreibt schon im Lakritzkeller?
(Okay… wir kennen ein paar.)
Lakritz als Kulturphänomen
Wer glaubt, Lakritz sei nur ein Snack, hat die Rechnung ohne die nordische Folklore gemacht. In Skandinavien gibt es Lakritz-Eise, Lakritz-Biere, Lakritz-Menüs. In Holland wird Lakritz in Apotheken verkauft – als ernstzunehmendes Arzneimittel. In Deutschland liegen wir irgendwo dazwischen und streiten uns lieber darüber, ob salziges Lakritz überhaupt „Süßigkeit“ heißen darf.
Hier kommt Kreische wieder ins Spiel. Er sieht die Entwicklung der Lakritze als Spiegel gesellschaftlicher Geschmäcker:
„Lakritz ist stets auch ein Zeichen der Zeit – ein Ausdruck dessen, was Menschen zu essen bereit sind, und wovor sie sich fürchten.“
Und genau das macht Lakritz so modern: Sie ist eine Süßigkeit für Menschen, die kein Mainstream wollen. Für Menschen, die etwas aushalten. Für Menschen, die Komplexität nicht scheuen.
Lakritz in St. Pauli – eine Liebesbeziehung
St. Pauli ist rau, eigenwillig, lakritzig.
Hier mischen sich die Geschmäcker – genauso wie die Menschen. Und wer abseits des Banalen sucht, findet im Lakritzkeller einen Ort des Geschmackswiderstands.
Lakritz war immer für diejenigen da, die anders schmecken, anders denken, anders genießen wollen. Für die, die Tiefe suchen. Süße mit Schatten. Aroma mit Geschichte.
Und vielleicht ist das der wahre Grund, warum Lakritz uns so fasziniert:
Sie erinnert uns daran, dass nicht alles süß sein muss, um Freude zu machen.
Lakritz Traktat
Lakritz – Traktat einer Reise in die Welt der schwarzen Süßigkeit
Das vielseitige Buch eignet sich nicht nur für Lakritz-Liebhaber.


